Michael Ballack ist zurück in der Bundesliga. Jahrelang war er der einzige deutsche Nationalspieler, der im Ausland bei einem Topclub unter Vertrag stand.
Außerdem war er über Jahre hinweg der „Capitano“ der uneingeschränkte Chef auf und neben dem Platz in der Nationalmannschaft.
Mit mittlerweile 33 Jahren hat Ballack allerdings die besten Jahre seiner Karriere überschritten. Der Vertrag bei Chelsea London wurde nicht verlängert und aufgrund seiner schweren Verletzung konnte Ballack nicht an der Weltmeisterschaft in Südafrika teilnehmen.
Für viele ein Schock und gleichzeitig das vorzeitige WM-Aus, weil die jungen Spieler zuvor sehr selten ohne den Mittelfeld-Strategen Ballack überzeugen konnten.
Zudem steckten Klose, Mertesacker oder Friedrich, alles potentielle Ballack-Nachfolger als Chef auf dem Platz, in Formkrisen bzw. hatten eine rabenschwarze Saison hinter sich.
Das Problem der Hierarchie
Doch wie wir alle wissen, kam es anders als gedacht:
Die deutsche Nationalmannschaft ließ sich den Verlust von Ballack nicht anmerken, zumal Löw „klug die Bürde der Verantwortung auf mehrere Schultern verteilte“, wie es in vielen Medien zu hören war.
Fraglich ist, inwieweit ein Trainer auf die Bildung einer Hierarchie Einfluss nehmen kann. Sicherlich hat im Fall Klose und Podolski das permanente Vertrauen selbst nach schlechten Leistungen den Spielern gut getan. Doch viel wichtiger: Klose und Podolski haben das Vertrauen mit guten Leistungen zurück gezahlt.
Dementsprechend ist es eher die gute Leistung, die entscheidend ist, ob und wie sich eine Hierarchie bildet. Das belegt auch das Beispiel von Bastian Schweinsteiger.
Vor der Saison von vielen als zu langsam zu behäbig und zu schwankend in den Leistungen abgeschrieben, erlebte Schweinsteiger unter Louis van Gaal eine fußballerische Neu-Geburt: als begnadeter Stratege mit exzellenten Defensivverhalten, unermüdlichen Einsatz und zentralen Position für sämtliche Offensivaktionen (Anm.: Schweinsteiger hatte die meisten Ballkontakte, die meisten Torvorlagen und legte die weiteste Entfernung aller deutschen Nationalspieler in den Spielen zurück).
Schweinsteiger der „Emotional-Leader“ – Lahm der Kapitän auf dem Feld
Sportlich war er also nicht ohne Grund DER Mittelpunkt der Mannschaft, doch auch durch seinen eigenen Karriereverlauf ist er der prädestinierte Anführer der jungen Wilden. Selbst als Jugendlicher beim großen FC Bayern München zum Star geworden, früh Nationalspieler und bei der WM 2006 Hoffnung & Liebling einer ganzen Nation gewesen, kam der Fall in die Bedeutungslosigkeit. Trotz großer Kritik kam er wieder. Stärker als je zuvor.
An solch Charakteren können sich die jungen Leute orientieren, zumal er für die Jungen wie Müller und Badstuber einen Bezugspunkt aus ihrem alltäglichen Umfeld darstellt.
Im Gegensatz dazu Philipp Lahm: Mister Zuverlässig, auch wenn er diese Saison keine überragende Spielzeit ablieferte, ist er unangefochtener Stammspieler und ein sachlicher Vertreter, der wie Schweinsteiger schon in jungen Jahren auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken kann.
Unterschiede zu Ballack
Schweinsteiger und Lahm unterscheiden sich entscheidend zu Michael Ballack.
Der Kapitän der alten Schule ist Alleinherrscher auf dem Platz und duldet keinen anderen Spieler auf Augenhöhe. Ballack scheut auch nicht die öffentliche Konfrontation mit den Verantwortlichen, wie z.B. der Streit mit Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff beweißt.
Schweinsteiger und Lahm setzen eher auf das Kollektiv: Schweinsteiger hat sich nie darüber beklagt, dass er nicht Kapitän geworden ist, sondern Philipp Lahm.
Das brauchte er auch nicht! Aufgrund seiner Leistung, seiner Ausstrahlung und seinem Ansehen in der Mannschaft braucht Schweinsteiger keine Binde, um zu zeigen, dass der Anführer ist.
Anders Lahm, der vehement bekräftigte DFB-Kapitän bleiben zu wollen („Warum soll ich das Amt freiwillig abgeben?“). Dies gehört allerdings zur neuen Rolle vom Münchener: Angefangen mit seinem Interview, in dem er gegen seinen eigenen Club schoss und eine empfindliche Geldstrafe als Quittung bekam, möchte er an seiner Außendarstellung arbeiten. Weg vom lieben kleinen Philipp hin zu einem gestandenen Weltstar, dessen Wort Gewicht hat.
Leider kauft man ihm diese Entwicklung nicht wirklich ab, sodass Lahm selbst mit solchen Possenspielen nachhelfen muss.
Ballack hoffentlich kein zweiter Fall Frings
Ballack darf nicht den Fehler begehen und sich auf solche Spiele einlassen, denn in der jetzigen Situation (Neuanfang in Leverkusen, überragendes Ergebnis der DFB-Elf in Südafrika), ist er der Herausforderer.
Anders sich über die Presse zu profilieren, sollte Ballack sein Glück in der Offensive suchen und zwar auf dem Platz.
Knüpft Ballack unter Jupp Heynckes an alte Form an, dürfte einer Rückkehr in die Nationalmannschaft nichts im Wege stehen. Allerdings hat er auch hier eine andere Rolle einzunehmen.
Ballack ist Herausforderer
Ballack muss einsehen, dass das Kollektiv über dem Alleinherrscher steht. Zusammen mit Schweinsteiger hätte man dann eine absolute Weltklasse-Achse auf dem Platz. Erstens rein sportlich, aber auch aus Sicht der Erfahrung.
Denn gerade in Spielen, die auf Messerschneide stehen, zu kippen drohen oder nicht nach Wunsch verlaufen, ist Ballack nach wie vor eine Wunderwaffe. Durch seine Standards, die Kopfstärke, aber auch sein großes Laufpensum und die Ruhe, die er auf dem Platz ausstrahlt, wäre er zu Schweinsteiger die optimale Ergänzung gewesen.
Gerade in Spielen wie gegen Serbien, in der heißen Phase gegen England oder im Halbfinale gegen Spanien fehlte neben Schweinsteiger ein Spieler, der versucht das Spiel zu ordnen und dem tapfer kämpfenden Schweinsteiger zur Seite zu stehen.
Dies hat ein Philipp Lahm nicht gezeigt, was aber sicherlich auch an seiner Position auf dem Feld liegen kann.
Parallelen aus der DFB-Vergangenheit
Aus den Geschehnissen der letzten Jahre sollte der Neu-Leverkusener also lernen:
Torsten Frings hatte ebenfalls über die Presse nachdrücklich seine Stellung in der Mannschaft zementieren wollen, zeigte aber auf dem Platz (besonders bei der EM in Österreich und der Schweiz) keine Leistungen, die der eingeforderten Stellung gerecht wurden.
Oliver Kahn dagegen wurde 2004 vom damaligen Bundestrainer Klinsmann entmachtet und Michael Ballack wurde Kapitän. Kahn zeigte sich zwar enttäuscht, machte aber mit guten Leistungen weiterhin klar, dass seine Stellung innerhalb der Mannschaft unter dem Verlust der Binde nicht gelitten hat.
Ballack hat sein Schicksal also selbst in der Hand…
Es sei denn Löw entscheidet sich für die Jugendvariante und opfert Ballack für Sami Khedira. Diese Maßnahme wäre aber bei entsprechenden Leistungen von Ballack nicht lange haltbar.